Title: September 2009: Vogelwolken

Aktuelles Tagebuch

Vogelwolken

 

Die Hochspannungsleitung: ein beliebter abendlicher Sammelplatz für Stare. Foto: Dirk Wegener

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Im Laufe des Spätsommers und Herbstes sind die allabendlichen Schlafgesellschaften der Stare in den Rieselfeldern zu riesigen Ansammlungen mit vielen Tausend Individuen angewachsen. Derartige Vogelmassen kennt man sonst bestenfalls von der Nordsee, wenn dort die Watvögel durchziehen oder überwintern.

 

Mindestens brustbreit: die Individualdistanz zwischen Einzelvögeln wird exakt eingehalten.
Foto: Jürgen Albrecht


Die Stare sammeln sich aus einem kilometerweiten Umkreis, in dem sie tagsüber Nahrung suchen. Gegen Abend treffen aus allen Himmelsrichtungen kleine Trupps in den Rieselfeldern ein, die sich zunächst gerne auf der Hochspannungsleitung sammeln. Das allmähliche Anwachsen des Schwarms kann man besonders gut vom südlichen Aussichtsturm aus beobachten. Hier hat man auch den besten Blick auf die Stromleitungen und Hochspannungsmasten, auf denen es bald von munteren Vögeln nur so wimmelt. Trotz der offensichtlichen gegenseitigen Anziehung halten sie dort aber einen strengen Sitzabstand ein (Individualdistanz). Für jeden Neuankömmling schaffen die Anwesenden erstmal Platz, indem sie kleine Schritte zur Seite hüpfen. Wird die Sitzordnung zu eng, fliegt der Schwarm auf und sortiert sich neu: ein ständiges Kommen und Gehen.

 

Ein mittelgroßer Schwarm: Schätzen Sie die Starenzahl! Foto: Jürgen Albrecht

Wenn die Sonne verschwunden ist, fällt der Schwarm dann urplötzlich innerhalb weniger Sekunden ins Schilf hinunter. Hier ist der Schlafplatz der Stare. Meist werden die Röhrichtbestände südlich der Biostation gewählt, der beste Beobachtungsplatz ist nun der dortige Aussichtsturm. Im Schilf hält das muntere Schwatzen noch eine ganze Weile an, viele Stare fliegen noch in der Dämmerung hin und her, bis alle einen zusagenden Platz für die Nacht gefunden haben.

 

Massenschlafplätze sind ein für Stare typisches Phänomen. Meist werden große Schilfgebiete ausgewählt, aber in den letzten Jahrzehnten haben sich auch verschiedene Großstädte als Treffpunkte etabliert. Ein weiterer großer Schlafplatz in der Region liegt z.B. am Dümmer. Jetzt im Herbst sind die Ansammlungen besonders groß, weil viele Jungvögel teilnehmen – im Frühling werden nicht so hohe Zahlen erreicht. Sie bleiben noch bis weit in den Oktober hinein – bis das Wetter die Stare in mildere Überwinterungsgebiete abdrängt.

 

Weshalb gerade Stare diese beeindruckenden Schwärme bilden, ist noch nicht abschließend erforscht. Offensichtlich bieten die dichten Scharen dem Einzelnen einen besseren Schutz, wenngleich diese selbst recht auffällig sind. Aber auch soziale Funktionen werden diskutiert (Information, Synchronisation). Wie auch immer – der Genuss dieses Spektakels, vielleicht sogar im schönen Abendrot, schlägt jede Fernsehunterhaltung!