Title: September 2010: Hawaiigans

Aktuelles Tagebuch

September 2010: Die seltenste Gans zu Gast in den Rieselfeldern

 

Sie ist schon seit April Stammgast in den Rieselfeldern – und soviel Anhänglichkeit soll nun doch durch einen Tagebucheintrag gewürdigt werden!

 

Die Gänse in den Rieselfeldern Windel sind allemal interessant, sehenswert und auch leicht zu beobachten. Groß, sehr mobil, stimmkräftig und nicht sehr scheu – ideale Voraussetzungen, um sie in Ruhe bestimmen und ihr Verhalten studieren zu können. Da tut es kaum einen Abbruch, dass eigentlich keine der Arten ursprünglich in unserem Raum heimisch ist. Nicht einmal die Graugans gilt in Westdeutschland als alteingesessene Art, noch weniger die Kanadagans (Ursprung: Amerika) oder die Nilgans (Ursprung: Nordafrika).

 

Hat die Rieselfelder als zweite Heimat gewählt: die hübsche Hawaiigans. Foto: B. Walter

Das Wassergeflügel wurde und wird aber gerne in Gefangenschaft gehalten, und von dort büxen immer wieder Vögel aus oder werden bewusst ausgesetzt. Und so ist wohl auch sie in die Rieselfelder gelangt: eine Hawaiigans, auch Sandwichgans oder Nene genannt. Denn ein Züchterring an ihrem rechten Bein weist deutlich auf ihre Herkunft hin.

 

Allerdings ist die Hawaiigans nicht irgendeine der häufig gehaltenen Arten, sie ist die seltenste Gans der Welt! Ursprünglich lebte sie nur auf – natürlich! – Hawaii, im Gebiet der Vulkane Mauna Loa und Mauna Kea, im unwirtlichen Bergland in 1000 bis 2000 m Höhe auf Lavafeldern, fernab vom Wasser. 25.000 sollen es einst gewesen sein, bis die Weißen kamen, die Gänse sinnlos abknallten und zusätzlich durch eingeschleppte Haustiere von Hunden über Schweinen bis Mungos die wehrlose Population bis zum Jahr 1950 auf 30 bis 50 Tiere dezimierten. Durch ein aufwändiges Zuchtprogramm gelang es in England, die Art vor dem Aussterben zu bewahren. Inzwischen wird der Weltbestand wieder auf gut 1.000 Exemplare geschätzt, davon weniger als die Hälfte in ihrem ursprünglichen Lebensraum.

 

Die Hawaiigans ist etwas kleiner als ihre Verwandte, die Kanadagans. Foto: B. Walter

Wie ihre Verwandten, die Meergänse der Gattung Branta, hat sie einen zierlichen schwarzen Schnabel und eine schwarze Kopfzeichnung. Sie schließt sich in den Rieselfeldern auch gerne den Kanadagänsen an, hat im Unterschied zu diesen jedoch einen goldbraunen Wangenfleck, der die Halsseiten hinabläuft und hübsch mit dem sonst schwarzen Halsgefieder kontrastiert. Das sonstige Körpergefieder ähnelt der Kanadagans. Obwohl diese Gans sicherlich in Gefangenschaft aufwuchs, zeigt sie eine deutliche Scheu vor dem Menschen. Annäherungsversuche sind damit zwecklos, zumal die Wege im Reservat ohnehin nicht verlassen werden dürfen.

 

Im Laufe der Evolution hat sich die Nene an einen Lebensraum ohne Gewässer angepasst, hat als „Landgans“ ungewöhnlich lange Läufe, starke Zehen und reduzierte Schwimmhäute. Eine aus heutiger Sicht weniger vorteilhafte Anpassung an das Inselleben ist ihre Flugunfähigkeit während der Mauser, die sie anfällig gegenüber Raubtieren macht, die es auf Hawaii ursprünglich nicht gab.

 

Hawaiigänse sollen bis 30 Jahre alt werden – vielleicht können wir uns also über diesen seltenen und schönen Anblick noch lange freuen, auch wenn es kein Wildvogel ist!